Religiöse Lyrik

Vermischtes

Inhaltsverzeichnis

> Alles kein Ding, Mensch!

> Das würde uns so passen

> Der Friedefürst im Stall

> Die Wahl

> Ein besonderes Gespräch

> Es schneit

> Gedanken über Nikodemus

> Gedanken über Zachäus

> Halbwissen

> Haltungsfragen

> Heute wieder

> Kindheit - oder: Sie war, was sie war (nach Erich Fried)

> Lasst uns den Glauben bezweifeln! I Für Kurt Marti

> Sie, geben Sie den Menschen ihre Bedeutung zurück I Für Hanns Dieter Hüsch

> Später einmal

> Verwechslungsgefahr

> Wenn Gott Gott ist

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Alles kein Ding, Mensch!

Kryptisch und verschachtelt ist sie wahrlich nicht, die Bergpredigt. Im Gegenteil.

Sie ist so verständlich wie unbequem. Ihre Anwendung folgt auf eigene Gefahr.

Das Auftreten von Symptomen wie: Erbarmen und Demut, Ehrfurcht vor dem Leben

Sehnsucht nach Frieden und Wahrhaftigkeit sowie der Absicht, das Beste für die Stadt zu suchen, können getrost als Indiz für eine sachgerechte Anwendung gelten.

Bei unsachgemäßer Anwendung oder falscher Dosierung besteht grundsätzlich Haftungsausschluss.

Kryptisch und verschachtelt ist sie wahrlich nicht, die Bergpredigt. Im Gegenteil.

Sie ist so verständlich wie unbequem. Und genau deshalb erfolgt ihre Anwendung auf eigene Gefahr...

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Das würde uns so passen

Gott ist kein Argument, keine Trumpfkarte, kein Treuepunkt und keine Ausrede.

Er ist keine Methode, kein Lückenbüsser, keine Entschuldigung und kein Sündenbock.

Er ist keine Glaskugel, keine Religion, keine Ansichtssache und kein Hilfsmittel zur Erziehung.

Er ist keine These, keine Partei, keine Weltanschauung und kein Schicksal.

Er ist kein Erklärungsmodell, keine Vision, keine Fiktion und keine Utopie.

Er ist kein Ritual, kein Schema, keine Bedienungsanleitung und kein Schnittmuster.

Er ist keine Formel, kein Aufputschmittel, kein Gutschein und keine Variable.

Das würde uns so passen...

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Der Friedefürst im Stall

Mutig gegen den Strom Hoffend gegen die Vernunft Wissend gegen das Wissen Gelassen gegen die Erfahrungen

glauben

Weil zu lieben wir nicht vermögen, solange wir nicht gegen

den Strom, die Vernunft, das Wissen und die Erfahrungen

glauben.

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Die Wahl

Lassen wir uns nicht zwingen, glauben zu müssen, wir gingen nicht unter Gottes Schirm.

Gezwungene sind nicht frei, zu entscheiden, ob sie dies glauben wollen oder nicht.

Nun aber, so zwanglos, sind wir frei, es zu wollen.

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Ein besonderes Gespräch

Manchmal sind Gespräche schwierig und gehen nicht so glatt runter. Ich weiß nicht mehr genau, wie wir darauf kamen, aber plötzlich sprachen wir über Gott.

Er glaube schon lange an gar nichts mehr. Die Kirche habe ihn genauso enttäuscht wie die Politik, damit ginge es ihm jetzt endlich gut, meinte er mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck.

Da ist er mir und meinem Glauben überlegen.

Ich glaube nicht schmerzfrei und mein Glaube ist nicht universell anschlussfähig, nicht mit jeder politischen Weltanschauung kompatibel. Mein Glaube hat ein Gegenüber und ist nicht ohne Zweifel. Er ist lebendig und deshalb auch kompliziert.

Das klang fast nach einem Pluspunkt für seinen Glauben, sofern natürlich auch Glaube an Nichts Glaube ist.

Ob man denn nicht leicht manipulierbar sei, wenn man an Nichts glaube, weil ja alles gleichberechtigt nebeneinander stünde und deshalb Richtiges genauso falsch sein könne, wie Falsches richtig, war meine Frage.

Nein, im Gegenteil, meinte er und stellte fest: Mein Glaube an das Nichts präferiert nichts, das schützt vor Beeinflussung.

Wofür er sich denn dann engagiere und ob er nicht Verantwortung trüge für alles, was ist, denn er habe sich gegen nichts gesperrt und sich auch für nichts eingesetzt, fragte ich.

Wenn du das so siehst, ja, das stimmt, meinte er. Aber bei Dir, fuhr er fort, ist es viel dramatischer, weil es ja doch eine Vielzahl von Religionen und religiösen Strömungen gäbe und die Orientierung erschwere.

Dass es verschiedene Richtungen gibt, ist ein Hinweis auf Vielfalt aber kein Indiz für Manipulierbarkeit, wandte ich ein.

Der Punkt ging an uns, wenn man unterstellt, dass jemand der an Nichts glaubt, grundsätzlich nicht manipulierbar ist, solange er weiterhin an Nichts glaubt.

Als wir uns gegenseitig unseren Glauben inhaltlich zu erklären suchten, sagte er, dass sein Glaube an Nichts ihn vor Enttäuschungen bewahre, weil sein Glaube ohne Erwartungen und Hoffnungen auskäme und nicht idealistisch aufgeladen sei. Was kommt, kommt, sagte er. Und was nicht kommt, kommt nicht.

Das war schlüssig vorgetragen.

Ich glaube, dass jeder Mensch einzigartig, geliebt und gewollt ist. Ich glaube, dass das Leben einen Sinn und ein Ziel hat. Ich glaube, weil wir bewusst zwischen Gut und Böse unterscheiden können, auch für unser Handeln verantwortlich sind. Ich glaube auch, dass wir es aus uns heraus nicht schaffen, uns ausschließlich immer für das Gute zu entscheiden und wir deshalb auf Vergebung angewiesen sind. Ich glaube, dass diese Vergebung nur von einem Gegenüber kommen kann, das außerhalb dieses Systems steht, weil es ja sonst ebenfalls für Gut und Böse anfällig wäre. Das, sagte ich, ist für mich Gott bzw. Jesus, sein Sohn.

Ob dieser Punkt an mich ging, weiß ich nicht genau, denn er meinte, ich solle ihn nicht von seinem Glauben an Nichts abbringen. Woran du glaubst, ist völlig egal, sagte er. Das ist der Vorteil meines Glaubens, dass er ohne Erwartungen auskommt und alles gleichberechtigt so sein darf, wie es ist, solange Du mich bei meinem Glauben lässt, fuhr er fort.

Damit war dann alles gesagt, sodass wir schließlich wieder unserer Wege gegangen sind.

Immer, wenn ich an die Begegnung denke, habe ich den Wunsch, das Gespräch fortsetzen zu wollen

und dann spüre ich, dass sich meine Hände falten...

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Es schneit!

Taumelnd tanzen trunk'ne Flocken, spielerisch und sehr verträumt. Fallen, liegen, bleiben hocken, alles ist wie eingeschäumt.

Bringen von der langen Reise Kälte mit und Eis. Fallen locker, fallen leise, fallen klein und weiß.

Und sie decken alles zu: Grenzen, Gräben und Gerichte, überall fall'n immerzu kleine weiße Lichte.

Und der guten alten Erde steht ihr neues Kleid. Damit sie weiß und flecklos werde, darum hat's heut' geschneit...

(Erstmals veröffentlicht im Band "Anspiegelungen", ROMMERT 1995)

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Gedanken über Nikodemus*

Manchmal muss man da raus. Drinnen diktiert der Wille zur Macht und lässt sie Fakten leugnen. Die Sprache ist radikal und die Luft dünn und voller Angst.

In der Dunkelheit geht er zu IHM.

Wir wissen, sagt er, dass DU ein Lehrer bist, den Gott uns geschickt hat. Nur mit Gottes Hilfe kann jemand solche Wunder tun, wie DU sie tust.

Welch ein Auftakt!

Sie wissen!

Doch gegen Wissen zu leben, krümmt den Charakter und Denken, dem Wahrheiten vorenthalten werden, liefert unvollständige Ergebnisse.

Das Gespräch ist sperrig. Die Antworten dessen, der die Wahrheit ist, erreichen ihn nicht.

Besser, sie stirbt.

Dann kann man weiterhin groß tun und das Volk kleinhalten.

Später, nachdem geschieht wie von Ihnen gewollt, kauft er Myrrhe und Aloe und wickelt seinen damaligen Gesprächspartner in Leichentücher.

Nach Stolz sieht das nicht aus...


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*= Nikodemus war Pharisäer und ein Mitglied des Hohen Rates. Damit gehörte er zur religiösen und politischen Führungsschicht, die ein starkes Interesse daran hatte, Jesus zu beseitigen.

Über ihn wird an folgenden Stellen in der Bibel berichtet: Johannes 3,1–21, Johannes 7,50–52 und Johannes 19,39–42

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Gedanken über Zachäus*

Manchmal stellen sich dir diejenigen in den weg, die IHN für sich haben wollen.

Das sind die, die, statt zu glauben, glauben, zu wissen.

Nicht beirren lassen und den Platz finden, der gegenseitiges Sehen ermöglicht. 

Und vor mürrischem Publikum begegnen sich zwei, die einander etwas zu sagen haben.

Während Zachäus aus seiner Haut darf und endlich loslassen kann, verliert die Menge ihr Feindbild.

Manchmal stellen sich dir diejenigen in den weg die IHN für sich haben wollen.

Das sind die, die, statt zu glauben, glauben, zu wissen.


*= Die Begegnung zwischen Zachäus und Jesus ist im Lukasevangelium, Kapitel 19, Verse 1-10, nachzulesen.

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Halbwissen

Ich reduziere DICH gern:

Habt keine Gemeinschaft mit dem wie dich selbst.

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Haltungsfragen

suchen, was halt gibt und ohne mindeshaltbarkeitsdatum auskommt nicht haltlos werden auf hinterhalte achten ungehalten sein, wenn sich die lüge feiert auch das leben vergibt haltungsnoten halt am kreuz machen und gott nicht festhalten, wohl aber den Glauben an ihn davon halte ich  immer mehr

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Heute wieder

Manchmal suchen diejenigen SEINE Nähe, denen nicht wohl dabei ist, wenn sie hören, wie ER über Liebe, Wahrhaftigkeit und Demut spricht.

Weil ER seit Golgatha nicht zum Schweigen żu bringen ist, verkünden sie kurzerhand, sie seien von IHM zur Rettung des Volkes vorherbestimmt, machen mit Bibelversen Politik, eignen sich die Deutungshoheit über IHN an, setzen auf Entzweiung und glauben, dass auch ER an sie glaubt.

Und ER? Er sagt, dass wir sie an ihren Früchten erkennen werden.

Und wir? Wir sind getrost und erinnern uns derer, die hinterher bekannten, was sie vorher hätten getan haben sollen:

"Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben."*

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*= Zitat aus dem "Stuttgarter Schuldbekenntnis" vom 19.10.1945

(Mehr dazu >> hier << im WIKIPEDIA-Eintrag)

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Kindheit - oder: Was sie war (nach Erich Fried)

Sie war verletzend, sagt das Herz. Sie war was sie war, sagt die Liebe.

Sie war lauter Unglück, sagt die Erinnerung. Sie war nichts als Schmerz, sagt die Rastlosigkeit. Sie war Willkür, sagt die Bindungsangst.

Sie war was sie war, sagt die Liebe.

Sie war voller Angst, sagt die Essstörung. Sie war einsam, sagt die Schwermut. Sie war unmöglich, sagt der Verstand.

Sie war was sie war, sagt die Liebe.


(Erstmals veröffentlicht im Band "Weniger geht nicht", KINZEL 2021)

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Lasst uns den Glauben bezweifeln! (Für Kurt Marti)

Lasst uns den Glauben bezweifeln und später dann, mit dem, was der Zweifel vom Glauben übriggelassen hat, über Mauern springen.

Lasst uns den Glauben bezweifeln!

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„Sie, geben Sie den Menschen ihre Bedeutung zurück!“

(Für Hanns Dieter Hüsch*)

„Sie, ja, Hallo Sie! Können Sie mir sagen, woran es liegt, dass ich bin"?  

"Hm.“

„Liegt es an meiner Vorsicht oder meinem bewussten Lebensstil? Könnte es vielleicht auch mit meiner Klugheit zusammenhängen, was meinen Sie?

„Tja.“

„Oder sind es nur die Umstände? Ist gar ‚Zufall‘ die passende Antwort?“

„Lieber Freund, was halten Sie davon, dass Sie sind, weil es auf Sie ankommt und gerade Sie nicht fehlen dürfen, da Sie von Bedeutung für Andere sind?“

„Hm.“

„Und andere Menschen Sie als Bereicherung ihres Lebens erfahren?“

„Tja.“

„Für die Parteien sind Sie ein Wähler, für den Staat ein Bürger und ein, so hoffe ich doch, ehrlicher Steuerzahler. Die Wirtschaft betrachtet Sie als Konsument und Ihr freundlicher Arzt als sein Patient. Die Frage ist, wenn Sie verstehen, was ich meine, was wir füreinander sind, was wir einander bedeuten. Da, lieber Freund, Verzeihung, aber da fehlen Sie, solange Sie denken, dass es Zufall ist, dass Sie sind“.  


* Die Überschrift ist eine Zeile aus dem Text "Anteilnahme" von Hanns Dieter Hüsch

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Später einmal

später einmal wird

ER

die händler aus dem tempel jagen,
die kinder segnen

und
vor den schriftgelehrten warnen

ER

wird die sündlosen ermuntern,
den ersten stein zu werfen,
wird zur nächstenliebe aufrufen

und
die füße des judas waschen

ER

wird gegen barrabas den kürzeren ziehen,
den hahn krähen hören und von gott und der welt verlassen rufen: „Es ist vollbracht!“

und
dann werden sie sagen:

ER

war der Sohn Gottes!

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Verwechslungsgefahr

Nicht nacheifern Nicht nachahmen Nicht nachlaufen Nicht nachmachen

Nur nachfolgen.

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Wenn Gott Gott ist

Wenn Gott Gott ist, dann hat er Zeit. Dann sitzt er nicht auf dem Thron und zählt unsere Sünden wie ein Buchhalter die Belege.

Wenn Gott Gott ist, dann schmunzelt er manchmal über unsere Gebete, die klingen wie Bestellungen beim Versandhaus.

Wenn Gott Gott ist, dann schüttelt er den Kopf über die Frommen, die glauben, sie hätten ihn in der Tasche.

Wenn Gott Gott ist, dann ist er bei den Kleinen, bei den Versagern, bei denen, die stolpern und wieder aufstehen.

Wenn Gott Gott ist, dann braucht er keine Prunkbauten, keine goldenen Kelche, keine Predigten in drei Punkten mit Schlussgebet und Kollekte.

Wenn Gott Gott ist, dann sitzt er bei den Mutlosen, die den Glauben an die Menschheit verloren haben, legt ihnen den Arm auf die Schulter und sagt: "Kommt, wir gehen tanzen, ich lade Euch ein!"