Religiöse Lyrik
Vermischtes
Inhaltsverzeichnis
> Alles kein Ding, Mensch!
> Das würde uns so passen
> Der Friedefürst im Stall
> Die Wahl
> Es schneit
> Gedanken über Zachäus
> Halbwissen
> Haltungsfragen
> Lasst uns den Glauben bezweifeln! I Für Kurt Marti
> Sie, geben Sie den Menschen ihre Würde zurück I Für Hanns Dieter Hüsch
> Später einmal
> Verwechslungsgefahr
> Wenn Gott Gott ist
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Alles kein Ding, Mensch!
Kryptisch und verschachtelt ist sie wahrlich nicht, die Bergpredigt. Im Gegenteil.
Sie ist so verständlich wie unbequem. Ihre Anwendung folgt auf eigene Gefahr.
Das Auftreten von Symptomen wie: Erbarmen und Demut, Ehrfurcht vor dem Leben
Sehnsucht nach Frieden und Wahrhaftigkeit sowie der Absicht, das Beste für die Stadt zu suchen, können getrost als Indiz für eine sachgerechte Anwendung gelten.
Bei unsachgemäßer Anwendung oder falscher Dosierung besteht grundsätzlich Haftungsausschluss.
Kryptisch und verschachtelt ist sie wahrlich nicht, die Bergpredigt. Im Gegenteil.
Sie ist so verständlich wie unbequem. Und genau deshalb erfolgt ihre Anwendung auf eigene Gefahr...
Das würde uns so passen
Gott ist kein Argument, keine Trumpfkarte, kein Treuepunkt und keine Ausrede.
Er ist keine Methode, kein Lückenbüsser, keine Entschuldigung und kein Sündenbock.
Er ist keine Glaskugel, keine Religion, keine Ansichtssache und kein Hilfsmittel zur Erziehung.
Er ist keine These, keine Partei, keine Weltanschauung und kein Schicksal.
Er ist kein Erklärungsmodell, keine Vision, keine Fiktion und keine Utopie.
Er ist kein Ritual, kein Schema, keine Bedienungsanleitung und kein Schnittmuster.
Er ist keine Formel, kein Aufputschmittel, kein Gutschein und keine Variable.
Das würde uns so passen...
Der Friedefürst im Stall
Mutig gegen den Strom Hoffend gegen die Vernunft Wissend gegen das Wissen Gelassen gegen die Erfahrungen
glauben
Weil zu lieben wir nicht vermögen, solange wir nicht gegen
den Strom, die Vernunft, das Wissen und die Erfahrungen
glauben.
Die Wahl
Lassen wir uns nicht zwingen, glauben zu müssen, wir gingen nicht unter Gottes Schirm.
Gezwungene sind nicht frei, zu entscheiden, ob sie dies glauben wollen oder nicht.
Nun aber, so zwanglos, sind wir frei, es zu wollen.
Es schneit!
Taumelnd tanzen trunk'ne Flocken, spielerisch und sehr verträumt. Fallen, liegen, bleiben hocken, alles ist wie eingeschäumt.
Bringen von der langen Reise Kälte mit und Eis. Fallen locker, fallen leise, fallen klein und weiß.
Und sie decken alles zu: Grenzen, Gräben und Gerichte, überall fall'n immerzu kleine weiße Lichte.
Und der guten alten Erde steht ihr neues Kleid. Damit sie weiß und flecklos werde, darum hat's heut' geschneit...
(Erstmals veröffentlicht im Band "Anspiegelungen", ROMMERT 1995)
Gedanken über Zachäus
Manchmal stellen sich dir diejenigen in den weg, die IHN für sich haben wollen.
Das sind die, die, statt zu glauben, glauben, zu wissen.
Nicht beirren lassen und den Platz finden, der gegenseitiges Sehen ermöglicht.
Und vor mürrischem Publikum begegnen sich zwei, die einander etwas zu sagen haben.
Während Zachäus aus seiner Haut darf und endlich loslassen kann, verliert die Menge ihr Feindbild.
Manchmal stellen sich dir diejenigen in den weg die IHN für sich haben wollen.
Das sind die, die, statt zu glauben, glauben, zu wissen.
Halbwissen
Ich reduziere DICH gern:
Habt keine Gemeinschaft mit dem wie dich selbst.
Haltungsfragen
suchen, was halt gibt und ohne mindeshaltbarkeitsdatum auskommt nicht haltlos werden auf hinterhalte achten ungehalten sein, wenn sich die lüge feiert auch das leben vergibt haltungsnoten halt am kreuz machen und gott nicht festhalten, wohl aber den Glauben an ihn davon halte ich immer mehr
Lasst uns den Glauben bezweifeln! (Für Kurt Marti)
Lasst uns den Glauben bezweifeln und später dann, mit dem, was der Zweifel vom Glauben übriggelassen hat, über Mauern springen.
Lasst uns den Glauben bezweifeln!
„Sie, geben Sie den Menschen ihre Bedeutung zurück!“
(Für Hanns Dieter Hüsch*)
„Sie, ja, Hallo Sie! Können Sie mir sagen, woran es liegt, dass ich bin"?
"Hm.“
„Liegt es an meiner Vorsicht oder meinem bewussten Lebensstil? Könnte es vielleicht auch mit meiner Klugheit zusammenhängen, was meinen Sie?
„Tja.“
„Oder sind es nur die Umstände? Ist gar ‚Zufall‘ die passende Antwort?“
„Lieber Freund, was halten Sie davon, dass Sie sind, weil es auf Sie ankommt und gerade Sie nicht fehlen dürfen, da Sie von Bedeutung für Andere sind?“
„Hm.“
„Und andere Menschen Sie als Bereicherung ihres Lebens erfahren?“
„Tja.“
„Für die Parteien sind Sie ein Wähler, für den Staat ein Bürger und ein, so hoffe ich doch, ehrlicher Steuerzahler. Die Wirtschaft betrachtet Sie als Konsument und Ihr freundlicher Arzt als sein Patient. Die Frage ist, wenn Sie verstehen, was ich meine, was wir füreinander sind, was wir einander bedeuten. Da, lieber Freund, Verzeihung, aber da fehlen Sie, solange Sie denken, dass es Zufall ist, dass Sie sind“.
* Die Überschrift ist eine Zeile aus dem Text "Anteilnahme" von Hanns Dieter Hüsch
Später einmal
später einmal wird
ER
die händler aus dem tempel jagen,
die kinder segnen
und
vor den schriftgelehrten warnen
ER
wird die sündlosen ermuntern,
den ersten stein zu werfen,
wird zur nächstenliebe aufrufen
und
die füße des judas waschen
ER
wird gegen barrabas den kürzeren ziehen,
den hahn krähen hören und von gott und der welt verlassen rufen: „Es ist vollbracht!“
und
dann werden sie sagen:
ER
war der Sohn Gottes!
Verwechslungsgefahr
Nicht nacheifern Nicht nachahmen Nicht nachlaufen Nicht nachmachen
Nur nachfolgen.
Wenn Gott Gott ist
Wenn Gott Gott ist, dann hat er Zeit. Dann sitzt er nicht auf dem Thron und zählt unsere Sünden wie ein Buchhalter die Belege.
Wenn Gott Gott ist, dann schmunzelt er manchmal über unsere Gebete, die klingen wie Bestellungen beim Versandhaus.
Wenn Gott Gott ist, dann schüttelt er den Kopf über die Frommen, die glauben, sie hätten ihn in der Tasche.
Wenn Gott Gott ist, dann ist er bei den Kleinen, bei den Versagern, bei denen, die stolpern und wieder aufstehen.
Wenn Gott Gott ist, dann braucht er keine Prunkbauten, keine goldenen Kelche, keine Predigten in drei Punkten mit Schlussgebet und Kollekte.
Wenn Gott Gott ist, dann sitzt er bei den Mutlosen, die den Glauben an die Menschheit verloren haben, legt ihnen den Arm auf die Schulter und sagt: "Kommt, wir gehen tanzen, ich lade Euch ein!"