Religiöse Lyrik
Texte "Gesprächspartner Gott"
Inhaltsverzeichnis
> Begegnung am Abend
> Begegnung auf dem Weihnachtsmarkt
> Warten auf "Grün"
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Begegnung am Abend
Gestern, beim Abendspaziergang, gesellte sich auf einmal der liebe Gott zu mir.
Und wie wir da so gehen, sagt er nach einer Weile, dass er sich oftmals allein und missverstanden fühlt. Da habe ich erst mal schlucken müssen und so getan, als müsste ich mir die Schuhe zubinden. „Die Sonntage sind besonders schlimm“, fährt er fort. „Was ist so missverständlich, dass man ernsthaft glauben kann, dass es mir und meinem Sohn um Formalia und um die Schaffung von Institutionen gegangen sein könnte?“
Da muss ich wieder schlucken und schaue verstohlen auf meine frisch gebundenen Schuhe. Dann schweigen wir noch ein wenig und dann will ich ihn trösten und sage mit leiser Stimme zu ihm: „Ich kann Dich gut verstehen, denn ich weiß es auch nicht“.
Da haben wir uns gegenseitig zugezwinkert und sind noch eine Weile schweigend nebeneinanderher gegangen, bis der liebe Gott dann irgendwann nach links in die Kirchgasse abgebogen ist.
Begegnung auf dem Weihnachtsmarkt
Habe ich eigentlich erzählt, dass ich neulich den lieben Gott auf dem Weihnachtsmarkt getroffen habe?
Ich hatte ihn nicht sofort erkannt, er mich aber schon. Und als ich ihn frage, wie es ihm so in der Weihnachtszeit geht, da sagt er: "Komm, ich lade Dich auf ein Stück Stollen ein, das will ich lieber in Ruhe erzählen."
Da sind wir ins neue Café am Markt und wie ich noch denke, dass er mir sicher gleich seinen Unmut über den Kommerz erzählen wird, überrascht er mich als er sagt: "Weihnachten ist für mich sehr emotional. Ich bekomme immer noch eine Gänsehaut, wenn ich mir vorstelle, was passiert wäre, wenn das schiefgegangen wäre."
"Ja", sage ich, "kaum auszudenken: Du hättest Deinen Sohn verloren und wir wären uns nie begegnet." Er nickt und wir schauen uns in die Augen, die feuchter werden, je länger wir schweigen.
Wir sitzen dann noch eine ganze Weile, beobachten das Geschehen um uns herum, genießen den Stollen und trinken unseren Pharisäer.
Nachdem er gezahlt hat, schlendern wir gemütlich durch die weihnachtlichen Straßen, bis der liebe Gott dann irgendwann wieder nach links in die Kirchgasse abgebogen ist.
Warten auf "Grün"
Neulich steht der liebe Gott neben mir an der Fußgängerampel. Und wie wir da so zusammen auf "Grün" warten und ich noch überlege, worüber ich mich mit ihm unterhalten kann, fragt er plötzlich, ob ich mit ihm zufrieden bin.
Da habe ich schlucken müssen und so getan, als hätte ich ihn wegen des Straßenlärmes nicht richtig verstehen können. "Wie bitte?", sage ich zum lieben Gott und überlege, während er seine Frage nun etwas langsamer und lauter wiederholt, wie ich antworten kann.
"Ja, sehr", sage ich, "es passt alles wunderbar und dass wir es nicht immer gut hinbekommen, mit Freiheit verantwortlich umzugehen, ist ja nicht Dir anzulasten." Da nickt er mir auf seine unverwechselbare Art zu und fragt, wie ich diesbezüglich die Bergpredigt einschätze.
Da muss ich erneut schlucken und sage dann nach einer Weile: „Es ist irgendwie unmodern geworden, über Demut, Nächstenliebe und Vergebung zu reden. Auch wenn das erwiesenermaßen für das Zusammenleben bedeutungsvoll ist, gilt man als ewiggestrig, wenn man davon anfängt." Nun muss er schlucken und sagt dann: „Da ist es also möglich, dass bald niemand mehr weiß, was das ist und was es braucht, damit das Miteinander funktioniert?" Ich nicke stumm.
Endlich springt die Ampel auf Grün und während wir die Straße überqueren, sagt er: "Das sieht nicht gut aus." Ich nicke und sage: „Mach Dir keine Vorwürfe, an Dir liegt‘s nicht!“
Dann sind wir noch eine Weile schweigend nebeneinanderhergegangen, bis der liebe Gott dann irgendwann nach links in die Kirchgasse abgebogen ist.
Wie ich dann abends im Bett liege und noch einmal über unsere Begegnung heute an der Ampel nachdenke, da tut mir der liebe Gott plötzlich so leid, wie schon lange nicht mehr.