Kreuz & quer Februar 2026


Weltbild versus Wirklichkeit

Meine Welt, meine Regeln

Als der derzeitige amerikanische Präsident von der "New York Times" gefragt wurde, welche Grenzen seine Macht auf der internationalen Bühne einschränken würden, antwortete er, dass das Einzige, was ihn stoppen könne, seine eigene Moral und sein eigener Verstand seien. Und, auch sagte er, dass er eine sehr hohe Moral habe. (Mehr dazu hier)

Bereits seine Antrittsrede vom 20. Januar 2025, die man hier auf deutsch nachlesen kann, lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass hier jemand jenseits der Realität unterwegs ist. Weltbild schlägt Wirklichkeit.

Typisch für Autokratien, das wissen wir noch aus dem Geschichtsunterricht, ist, dass sie Realitäten ignorieren und Wahrheit umdeuten. Und wer in der Schule nur für die Schule gelernt hat, bekommt nun kostenlos Nachhilfe.

Göring hielt sich für unschuldig und Mr. President sieht sich als Mensch mit einer hohen Moral. So weit kann es gehen, wenn an die Stelle der Wahrheit die (ideologische) Verblendung tritt und man die Fiktion für wahr zu halten beginnt.

Nicht nur im Krieg stirbt die Wahrheit zuerst, schon auf dem Weg dorthin wird sie bereits so geschliffen, dass ihr beizeiten die Puste ausgeht. Dass dem Goebbels dann das tausendfache „Ja!“ auf die Frage, ob sie denn den totalen Krieg wollten, zuflog, erklärt sich aus dem unaufhaltsamen Verschwinden der Wahrheit, das schon Jahre zuvor begonnen hatte und ohne dem dieses verblendete Gebrüll nicht vorstellbar ist.

Dass auf wahrheitsgelöstem Terrain kein Geländer existiert, wissen wir spätestens seit jenen Jahren. Auf der schiefen Ebene gibt's kein Halten mehr. Und wenn wir klug sind, besinnen wir uns darauf und verweigern uns denjenigen, die uns leutselig eine Auffrischung anbieten.

Um sich machtgierigen Lügnern, die ihren eigenen Weltbildphantasien anhängen, verweigern zu können, gibt es ein wirkungsvolles Instrument: Die Wahrheit. Denn dort, wo Wahrheit ist, können Menschen, deren Macht sich aus ihrem Weltbild begründet, keinen Anker werfen. Weltbilder sind nämlich beliebig, Wahrheit aber ist es nicht.

Von den vielen Eigenschaften, die „Wahrheit“ auszeichnen, sind es (mindestens…) die folgenden, die dazu führen, dass kleine, große und ganz große Gernegroße Wahrheit nicht mögen.

Wahrheit ist weder kontrollier- noch beherrschbar Wer die Wirklichkeit umdeutet, sie für seine Zwecke mißbraucht, der bestimmt auch, was als "wahr" zu gelten hat. Das kann man ja machen, aber objektive Wahrheit entzieht sich ihrer Kontrolle, weil sie unabhängig von dem, was sie behaupten oder durchsetzen wollen, existiert.

Man kann, kennen wir ja schon, für Weltbildresistente und Andersdenkende Konzentrationslager errichten, mit Stacheldraht und Wachtürmen und sie in die Hände linientreuer Parteisoldaten geben. (Wieder wird sich irgendwer freuen, dass er seinem Land dienen darf...) Und vielleichht geht das sogar länger als zwölf Jahre, aber ausrotten kann man die Wahrheit damit nicht. Die zentrale Lehre aus jener Zeit ist deshalb die, dass es nicht möglich ist (dauerhaft) gegen die Wahrheit anzuregieren und dass es im Übrigen auch keinen Sinn macht.

Wahrheit schafft Transparenz Wahrheit schafft Offenheit und macht Entscheidungen überprüf- und nachvollziehbar. Sie zwingt die Menschen dazu, ihr Handeln zu erklären und zu rechtfertigen. Wahrheit gefährdet ihre Position und ist nicht in Übereinstimmung mit ihrem Selbstbild zu bringen.

Wahrheit verhindert Willkür Zu Machtmißbrauch gehört immer auch Willkür und Beliebigkeit sowie eine gewisse Form von Flexibilität. Wahrheit hingegen lässt sich nicht verbiegen oder korrumpieren. Sie ist sie. Und damit ist sie Sand im Getriebe im Maschinenraum der Weltbildschnitzer, die gern hochtourig daherkommen und schnelle Erfolge versprechen. In den Propagandaküchen dieser Welt ist Wahrheit übrigens auch nicht gern gesehen. Denn während Propaganda den Zweck hat, Macht zu stabilisieren, stabilisiert Wahrheit die Wirklichkeit.

Wahrheit enttarnt Narrative Viele Machtstrukturen beruhen auf Narrativen, die bei genauerem Hinsehen nicht glaubhaft sind. Machtmenschen arbeiten dabei gern mit Geschichten: Wer „wir“ sind, wer „die anderen“ sind und warum (selbstverständlich ausgerechnet…) sie selbst unentbehrlich sind. Wahrheit kann zeigen, dass (herbeigeredete…) Bedrohungsszenarien wesentlich ungefährlicher, die eigene Leistung gar nicht allzu herausragend und die Handlungsmotive weitaus egoistischer sind. Wir sollten uns erinnern, dass es wohl immer irgendwelche Alternativen zu den Narrativen der Mächtigen gibt, nicht aber zur Wahrheit.

Wahrheit widerlegt den Mythos der Unfehlbarkeit Politische Macht lebt gern davon, dass sich ihre Führungsfiguren als überlegen, weitsichtig und alternativlos verstehen. Die Vorsehung habe sie bestimmt, ihrem Volk zu dienen und es in bessere Zeiten zu führen, wozu, selbstverständlich, auch „reinigende“ Opfer zu bringen seien. Bestünde die Möglichkeit zur Überprüfung (wäre also "Wahrheit" zugelassen), könnte man sehen, ob und wo sie sich geirrt, wo sie getäuscht oder versagt haben. Sie sind nicht unfehlbar. Wahrheit beschädigt die Aura der Mächtigen. Wir dürfen durchaus glauben, was wir sehen, solange wir dorthin schauen, wo wir es sollen.

Wahrheit macht mündig Demokratie basiert auf dem Prinzip, dass Bürger informiert sind. Autoritäre Macht basiert darauf, dass sie es nicht sind. Propaganda ersetzt Information und anstelle von Vielfalt, Pluralität und Diversität sind es plötzlich weltbildgeschwängerte Slogans und Parolen, die den Bürger bei der Stange halten sollen.

Die Anerkennung objektiver Wahrheit bedeutet, einzugestehen, dass es etwas gibt, das über der eigenen Autorität steht - eine Realität, der auch Mächtige unterworfen sind. Ohne Faktenleugnung, Gängelung der Wissenschaft, Zensur und Repressalien gegen die eigene Bevölkerung ist es für sie nicht möglich, zu bestehen.  

Die Bibel spricht davon, dass Gott die personifizierte Wahrheit ist. Das kann man in den Hörsälen Theologischer Fakultäten gern herauf und herunter diskutieren. Charmanter ist es, sich Gott mit den Eigenschaften vorzustellen, die Wahrheit beschreiben: Wahrheit ist sie selbst, sie ist beständig, sie macht Unwahrheit sichtbar, sie bewahrt vor Überheblichkeit und macht mündig und frei.

Mündigkeit und Freiheit können sich dort entfalten, wo keine Angst ist. Angst wiederum macht den Boden erst fruchtbar, auf dem die Weltbildphantasten und selbsternannten Heilsbringer dann erfolgreich ihre Saat ausbringen können.

Marie Curie, die als eine der bedeutendsten Wissenschaftlerinnen der Geschichte, gilt, hat es einmal so formuliert: "Nichts im Leben ist zu fürchten, es muss nur verstanden werden. Jetzt ist es Zeit, mehr zu verstehen, damit wir weniger fürchten."

Auf geht's...



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