Zwischenruf September 2023

JA zu einem Sozialen Pflichtjahr!


Als ein Thema zum Füllen des legendären Sommerlochs musste in diesem Jahr erneut die Diskussion um die mögliche Einführung eines verpflichtenden Jahres, in dem Jugendliche 12 Monate gemeinnützige Soziale Tätigkeiten ausüben sollen, herhalten. Ein Soziales Pflichtjahr eben. Und, auch das nicht zum ersten Mal, verweigerten die Wohlfahrtsverbände ihren Applaus.

Na, überraschend ist das nicht. Und wenn statt eines Sozialen Pflichtjahres die Einführung eines verpflichtenden Ökologischen Jahres diskutiert worden wäre, dann wären es eben der BUND oder eventuell sogar auch die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände, die ihren Applaus verweigert und stattdessen eine bessere Vergütung der im Öko-Sektor Beschäftigten gefordert hätten.

Da ruft nun die Politik zum wiederholten Male ein Thema von erheblicher gesamtgesellschaftlicher Bedeutung auf und genauso regelmäßig verweigern sich diejenigen, die am profundesten in die Diskussion einsteigen könnten: Die Wohlfahrtsverbände. Großes Kino ist das nicht, wohl aber große Ignoranz.

Ulrich Schneider, beispielsweise, er steht dem Paritätischen Wohlfahrtsverband vor, äußert sich gegenüber der „ZEIT“ und vertritt die Ansicht, dass es nichts brächte, junge Menschen zu einem Sozialen Jahr zu verpflichten, auf das sie keinen „Bock“ hätten. Über das hemdsärmelig vorgetragene Statement aus dem Jahr 2018 kann man geteilter Meinung sein. Der Weisheit letzter Schluss ist das jedenfalls nicht. Fadenscheinig schon eher. „The same procedure as every Wahlperiode, Ulrich!“

Will man den Ball, den zuletzt Bundespräsident Steinmeier ins Feld geworfen hat, spielen, und eine breite gesellschaftliche Debatte anschieben, dann kommt man wohl um die Diskussion über Sinn und Bedeutung des Wortes „Pflicht“ nicht herum. Das klingt unpopulär und dürfte wohl der Grund hinter den Gründen sein… Wenn „kein Bock“ als Argument genügt, sich möglicher Pflichten zu verweigern, dann ist auch das Signal der Wohlfahrtsverbände kongruent: Sie haben einfach „keinen Bock“ auf diese Diskussion!

Warum das so ist, lässt sich schnell erklären: Sie vertreten Einrichtungen und Dienste, in denen jede Form der Sorgearbeit erbracht wird. Sie betreiben u.a. auch Schulen und Ausbildungsstätten und sind an einer kontinuierlichen Professionalisierung des Sozialen interessiert, was man durchaus auch mit einer zunehmenden Ökonomisierung des Helfens gleichsetzen kann. Da sind aus deren Sicht junge Menschen, die keinen „Bock“ auf Soziales haben und nach 12 Monaten wieder weg sind, eher eine Belastung.

Man kann das so sehen. Muss man aber nicht. So geht es bei dem Thema auch um die Schärfung des Blicks auf das Soziale und um die Erlangung von Sozialkompetenz junger Menschen. Da geht es auch um Fragen nach Sinn und nach Werten. Leben funktioniert nun mal nicht autark. Wir brauchen einander. Wer aber schon bei dem Wort „Pflicht“ den Schwanz einzieht und sich einfach abduckt, macht es sich zu einfach.

Was aber macht den Begriff „Pflicht“ so kompliziert? Sind es Assoziationen wie „Befehl“ und „Gehorsam“ und der damit verbundene militärische Drill? Symbolisiert er kleinbürgerlichen Mief und erinnert an all das, was wir schon lange nicht mehr wollten?

Ist jede Form von Pflicht kategorisch abzulehnen, weil sie mit unserem neoliberalen Verständnis von Selbstbestimmung und freiem Willen unvereinbar scheint? Da türmen sich allerhand Fragen auf, die wir leider nun offensichtlich ohne die Wohlfahrtsverbände zu diskutieren haben.

Es ist augenscheinlich Zeit, sich einem Begriff zu nähern, der einiges zu bieten hat und der in der Lage ist, entscheidende Impulse für Diskussionen zur Zukunft des Sozialen geben zu können.

Unsere Pflichten, das sind die Rechte anderer auf uns“, formuliert Friedrich Nietzsche. Ein Zitat, das geeignet ist, als Türöffner für eine breite gesellschaftliche Debatte herzuhalten und das auf alle Fälle mehr Substanz hat als das freundliche Kopfschütteln der Wohlfahrtsverbände.

Ja, wir leben in Bezügen, in denen andere Menschen Rechte auf uns und wir auf sie haben. Und ob da jemand gerade „Bock“ drauf hat oder nicht, ändert an der Tatsache nicht das geringste. Leben funktioniert nicht ohne Zuwendung. Und immer sind die Rollen fließend: Mal sind wir die Gebenden und ein anderes Mal, in einer anderen Situation und zu einem anderen Zeitpunkt, sind wir die Nehmenden.

Und, lieber Herr Schneider, je eher man das einüben, akzeptieren und verinnerlichen kann, desto besser! Dass die „Generation Tick-Tock“ von sich aus keinen Bock auf „Sozial“ hat, kann man ihr nicht wirklich verdenken, wenn man nicht den Wert des Sozialen für das gesellschaftliche Zusammenleben stärker in den Vordergrund stellt.

Es ist eine Illusion, dass an die Stelle von Nächstenliebe ausschließlich professionelles Kümmern treten kann. Da ist auch jede Menge Platz für „die Rechte anderer auf uns“.

Ist nicht vielmehr die Kehrseite der Ökonomisierung des Sozialen das Verschwinden Sozialer Verantwortung und Sozialer Kompetenzen in der Fläche? Verringert sich nicht in dem Maße, wie das professionelle Kümmern die Gesellschaft entlastet, auch die gesellschaftliche Kompetenz des Kümmerns? Wenn wir also „Sozial“ nicht mehr können, weil es andere für uns (beruflich) tun, dann ist es Zeit für eine Debatte. Und da ist es dann egal, ob wir gerade „Bock“ darauf haben oder nicht.

Bei der Diskussion geht es sowohl um quantitative als auch um qualitative Aspekte: Ja, es sind zu wenig Menschen, die im Sozialsektor tätig sind. Und, Achtung, „Sozial“ darf kein Herrschaftswissen von Fachkräften sein. Das müssen wir alle können. Denn es geht um die „Rechte anderer auf uns“ und nicht (nur...) um Ansprüche auf Leistungen irgendwelcher Pflege- bzw. Sozialkassen. Ohne Rechte auf Pflichten ist weder unser Leben noch unsere Gesellschaft vorstellbar.

Wir sind untereinander gegenseitig verpflichtet. Beziehungen und Gemeinschaft, ob im Kleinen oder im Großen, funktionieren durch Geben und Nehmen. Dabei meint "nehmen" nicht, wie gern kolportiert wird, dass dem Bürger genommen wird, sondern dass er nehmen kann.

Ich habe noch die Zeiten erlebt, als es Zivildienstleistende gab und erinnere mich an zwei bemerkenswerte Fakten. So erlernte eine nicht geringe Zahl von „Zivis“ im Anschluss an ihren Zivildienst einen Sozialberuf und, zweitens, erschloss die unverbildete und unvoreingenommene Art der jungen Leute mitunter Zugänge zu den Bewohner*innen, die wir aufgrund unserer professionellen Perspektive nicht (mehr) sahen/ hatten.

Es fühlt sich nicht gut an, in einer Gesellschaft zu leben, die "Sozial" nicht mehr kann, die sich lieber bei „Instagram“ performt und über "Work-Life-Balance" diskutiert, als gelänge Leben am besten dann, wenn man nichts und niemandem außer sich selbst vertraut. (Wird übrigens leidenschaftlich gern mit "Selbstvertrauen" verwechselt...!).

Zum Wesen des Neoliberalismus gehört, dass er alles vermarktwirtschaftlicht, auch das Soziale. Das, was wir einst konnten, um als Gesellschaft, als Familien und Nachbarschaften zu funktionieren, geht immer mehr in professionelle Hände über, während wir uns mit anderen Dingen befassen, auf die wir gerade „Bock“ haben. Früher waren wir systemrelevant, jetzt sind es diejenigen, an die wir das Soziale abgegeben haben. Fortschritt kostet.

Schade, dass die Wohlfahrtsverbände die vom Bundespräsidenten aufgestoßene Tür so schnell zugeschlagen haben. Da hat eine Struktur für ihre Klientel gesprochen, wohl aber kaum für die Mehrheit der Bevölkerung. Mit dem Impuls des Bundespräsidenten wäre, wenn man gewollt hätte und gewillt gewesen wäre, mehr möglich gewesen, liebe BAGFW-Funktionäre*innen.

Denn man kann sich nicht nur als Backpacker in Australien ausprobieren, sondern auch als „Verpflichtete*r“ im Jugendhaus in Meppen an der Ems...



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