Kreuz & quer Janaur 2026

Du sollst nicht lügen

Wenn die Großväter, auf die braune Nazibrühe angesprochen, meinten, dass nur diejenigen, die zur besagten Zeit gelebt hätten, verstehen könnten, wie alles so und noch schlimmer kommen konnte, dann deuteten wir das in der Regel eher als billige Ausflüchte oder gar als Gesprächsverweigerung.

Und fast schon kaum nur 15 amerikanische Präsidentschaften später versteht man die Altvorderen plötzlich! Ja, man glaubt ja selbst kaum, was man zu sehen bekommt, sodass wir die Antwort der Großväter direkt an unsere Enkel durchreichen können, wer hätte das je (von sich) gedacht?!

Wir müssen ihnen sagen, dass wir die Banalität des Bösen überschätzt haben, und vor lauter Freundlichkeit viel zu lange hofften, Richtiges im Falschen zu finden. Selbst noch, nachdem die „Washington Post“ bereits in der ersten Amtszeit (2017–2021) auf über 30.000 falsche oder irreführende Aussagen bei Mr. President kam, weigerten wir uns, zu bewerten, was wir sahen.

Unstrittig: Er ist ein Lügner. Yes, he can! Ebenso ist es unstrittig, dass sich dies in der zweiten Amtszeit fortsetzt, selbst wenn dieses Mal nicht alle „Korrekturen der Wahrheit“ so akribisch auflistet zu werden scheinen, wie es seinerzeit die „Washington Post“ tat. Ferner gilt festzuhalten, dass dies seiner Wiederwahl nicht im Wege stand und ihm offensichtlich die Lügen bisher nicht geschadet zu haben scheinen.

Weil diese Lügen einen ziemlich hohen Wellengang verursachen und in kurzen Abständen auftreten, kommt die Auseinandersetzung mit den Folgen (politischer) Lügen oftmals zu kurz.  Geht man hier auf Recherche, so finden sich (mindestens) folgende Auswirkungen

> Erosion von Demokratie und Rechtsstaat > Vertauensverlust in Institutionen, Gerichten, Medien    > Spaltung der Gesellschaft in verfeindete Lager > Normalisierung von Desinformation und „postfaktischem“ Denken > Dauerhafte Schwächung der politischen Debattenkultur > Zunahme von Verschwörungsmythen und Radikalisierung > Gefährdung friedlicher Machtwechsel (z.B. Wahlergebnis-Leugnung) > ​Gewaltbereitschaft und reale Gewaltakte im Umfeld der Lügen > Langfristige Beschädigung der internationalen Glaubwürdigkeit und Berechenbarkeit des Landes > ...

Bei einem Abgleich dieser Stichworte mit den Schlagzeilen der Tagesnachrichten bleibt eigentlich nur die nüchterne Feststellung: Wir leben in einer wahrheitsgelösten Welt und knabbern an den Folgen.

Demokratie basiert auf einem stillschweigenden Vertrag: Bürger delegieren Macht an gewählte Vertreter im Vertrauen darauf, dass diese im Interesse des Gemeinwohls handeln und dabei echt sind und wahrhaftig kommunizieren. Ein Riss im gesellschaftlichen Gefüge entsteht, wenn dieses Vertrauen durch nachweisbare Lügen beschädigt wird. In der Folge werden die Bürgerinnen und Bürger beginnen, nicht nur einzelnen Politikern, sondern dem gesamten politischen System zu misstrauen. Ein Einfallstor für eigene Wahrheiten.

In der Folge überträgt sich das Misstrauen auf andere gesellschaftliche Institutionen: Medien werden als "Lügenpresse" diffamiert, wissenschaftliche Expertise wird angezweifelt, und selbst grundlegende Fakten werden verhandelbar. In einer solchen Atmosphäre wird der rationale Diskurs, ohne dem eine Demokratie nicht funktionieren kann, zunehmend unmöglich.

Folgende Parameter können wir gerade erleben:


Die Fragmentierung der gemeinsamen Realität

Besonders problematisch wirken sich politische Lügen auf die Existenz einer geteilten Faktenbasis aus. In früheren Zeiten mochten Menschen unterschiedliche politische Meinungen haben, doch sie einigten sich zumindest auf grundlegende Tatsachen. Diese gemeinsame Grundlage erodiert, wenn politische Akteure alternative Narrative konstruieren und als gleichwertig zur überprüfbaren Realität darstellen. Erinnert sei an die „gestohlene Wahl“.

Wenn verschiedene Teile der Gesellschaft in unterschiedlichen Informationsblasen leben und nicht einmal mehr zu einer einheitlichen Einschätzung darüber gelangen können, was tatsächlich geschehen -also „wahr“- ist, wird jeder konstruktive Dialog unmöglich. Wie will man gemeinsam produktiv über Lösungen debattieren, wenn noch nicht einmal über die Natur der Probleme Einigkeit besteht? Die Folge ist, dass politische Gegner nicht mehr als Mitbürger mit anderen Ansichten wahrgenommen werden, sondern als Feinde, die in einer völlig anderen Realität leben.

Die Normalisierung der Unehrlichkeit

Ein subtilerer, aber nicht weniger gefährlicher Effekt politischer Lügen ist ihre normalisierende Wirkung auf das gesellschaftliche Verhalten. Politik hat eine Vorbildfunktion, ob gewollt oder nicht. Wenn führende politische Personen ungestraft lügen können, sendet das ein verheerendes Signal an die gesamte Gesellschaft. Die Botschaft lautet: Ehrlichkeit ist etwas für Naive, und wer erfolgreich sein will, muss bereit sein, die Wahrheit zu opfern. „Der Ehrliche ist der Dumme“, wusste schon Ulrich Wickert.

 

Der Verlust gemeinsamer Werte

Es sind nicht nur Gesetze und Institutionen, die Gesellschaften zusammenhalten, sondern auch geteilte Werte und Normen. Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit gehören zu diesen Grundwerten. Werden politische Lügen zur Normalität, wird dadurch auch die Idee gemeinsamer ethischer Standards überhaupt in Frage gestellt.

Verliert eine Gesellschaft ihren Wertekonsens und ihre ethischen Grundlagen, zerfällt sie in eine Ansammlung von Individuen, die nur noch ihre eigenen Interessen verfolgen, weil sie nicht mehr an die Möglichkeit eines wahrhaftigen Zusammenwirkens glauben.


Es ist also nicht zielführend, sich pro oder contra zu Mr. President zu äußern, für ihn zu beten und Gott zu danken, dass es ihn gibt, oder gegen ihn zu kämpfen und zu wettern. Das polarisiert und setzt eine Spirale in Gang, die nichts Gutes erwarten lässt. Ein Blick in die Geschichte kann diesbezüglich ganz erhellend sein. 

Zur DNA der Lüge gehört, dass sie Menschen an sich bindet und in der Folge ihre (individuelle) Orientierung erschwert. Der Lüge eindeutig überlegen ist die Wahrheit. Sie löst das unerfüllbare Versprechen der Lüge ein: Freiheit!



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