Zwischenruf März 2026
Der Mensch und seine Würde
Ich poste, also bin ich
Gerade gibt es wieder einmal Diskussionen über die Auswirkungen intensiver Nutzung der Sozialen Medien auf menschliches Verhalten. Und immer, wenn Themen gesellschaftlich breit diskutiert werden, ziehen Befürworter und Gegner entsprechende Gutachten aus der Schublade, meldet sich die Politik -irgendwo zwischen Rundfunkbeitrag und Landtagswahl- zu Wort, vernachlässigen Lobbyisten und Lobbyistinnen ihre Deckung und wir, wir haben derweil plötzlich Curling als eine spannende Sportart für uns entdeckt... Kurz: Die vorgenannten Begleiterscheinungen deuten darauf hin, dass dies ein sehr zentrales Thema zu sein scheint und dass es deshalb nicht schaden kann, sich eigene Gedanken zu der Frage zu machen, wohin die Menschheit kommt, wenn der Mensch viral geht?
Denn es scheint, dass aus der Erkenntnis des französischen Philosophen René Descartes, der den Satz "Cogito, ergo sum" – Ich denke, also bin ich, prägte, mittlerweile eine neue Existenzformel geworden ist: „Ich poste, also bin ich“. Klingt niedlich, hat aber unabsehbare Folgen.
Und während Descartes sozusagen über den Zweifel zu der Gewissheit kam, dass er als Denkender existiert und diese Erkenntnis der Selbstvergewisserung so etwas wie das Ergebnis einer inneren Reflexion war, sieht das im digitalen Zeitalter komplett anders aus und es hat den Anschein, als würde der Beweis der eigenen Existenz nicht mehr im eigenen Denken, sondern in der Reaktion auf eigene Posts bestehen.
Das ist alles andere als eine Randnotiz, vielmehr handelt es sich um eine fundamentale Verschiebung in der Kommunikation, dem sozialen Interagieren und der Selbstwahrnehmung: Existenz wird zur Performance, Sein wird zum Gesehen-Werden und wer in den Sozialen Medien nicht präsent ist, verschwindet aus der modernen Wirklichkeit, so, als existierte er gar nicht.
Was nicht dokumentiert und gepostet ist, ist für die „Generation User“ gar nicht wirklich passiert, sodass dann selbstverständlich auch der eigene Alltag erst durch seine digitale Dokumentation „echt“ wird: Der Sonnenuntergang am Strand, das Konzert, der Kneipenbummel mit Freunden…. Alles wird dadurch als Wirklichkeit empfunden, dass es gepostet, geliked und kommentiert wird. Die Erfahrung und das eigene Erleben, das Sein sozusagen, reduziert sich zur Vorstufe von Posts und zum Rohmaterial für Inhalt.
Und die Folge? Wer sich seine Existenz erst durch die Reaktionen anderer bestätigen lässt, wird von diesen Reaktionen abhängig und zieht aus der Summe der Likes sein Selbstwertgefühl. Ein Post ohne Resonanz wird zu einem Desaster und die daraus folgende existenzielle Unsicherheit treibt zu immer häufigerem Posten, zu immer aufwendigerer Inszenierung und man selbst wird zum Projekt permanenter Selbstvermarktung.
Das geht bis zum dem, was gemeinhin als „Digitaler Exhibitionismus“ bezeichnet wird. Hinzu kommt die ganze Kehrseite, zu der auch das zählt, was als "Cyber-Mobbing" Eingang in unsere Sprache gefunden hat. Aber auch Menschen, die Straftaten begehen und diese ins Netz stellen, stillen in der digitalen Welt ihr Bedürfnis nach (anonymer) Sichtbarkeit.
Problematisch an dem allen ist, dass die "Likes" im Sinne der Lerntheorie die Funktion einer Belohnung darstellen und dies zur Folge hat, dass es zur Intensivierung und Verstetigung des Verhaltens kommt. Was das mit dem Gehirn macht, darüber gibt die Dokumentation „Die Dopamin-Falle. Der Botenstoff und die Sozialen Medien“, die in der Mediathek bei „ARTE“ abzurufen ist, genaueren Aufschluss.
Seit einigen Wochen läuft in Los Angeles ein großer Musterprozess, in dem eine junge Frau u.a. „Instagram“ und „YouTube“ verklagt, weil Funktionen wie endloses Scrollen, Empfehlungen und Filter sie über Jahre abhängig gemacht und Depressionen, Angstzustände und Körperbild‑Probleme ausgelöst haben sollen.
Im digitalen Zeitalter lebt der Mensch nicht mehr nur vom Brot allein, sondern von einem jeden „Like“, das aus dem Algorithmus kommt und die Rückmeldungen von außen ersetzen die innere Gewissheit, wertvoll und einzigartig zu sein. Die individuelle Sichtbarkeit wird bedeutungsvoller als die Existenz und aus Einmaligkeit wird bunte Beliebigkeit. Der Algorithmus gaukelt vor, dass eine hohe mediale Reichweite gleichzeitig auch für einen entsprechenden Wert und eine herausragende Bedeutung stehen.
Doch es ist ein folgenschwerer Irrtum, die eigene Würde für unbedeutender zu erachten als den eigenen (digitalen) "Wert", als dessen Indikatoren Likes und Emojis fungieren. Keine gute Entwicklung, wenn Menschen Identität mit „Performance“ gleichsetzen und vom "Homo Sapiens" zum „Homo Digitalis“ degenerieren, weil sie noch nicht einmal zu bemerken scheinen, wie sie sich für virtuelle Aufmerksamkeit verkaufen und die Vermarktung ihres Selbst für Authentizität halten.
Die Spiezies der "Influencer" zeigt, wohin die Reise des "Homo Digitalis" geht und, natürlich, wieviel Kohle man machen kann, wenn man sich egal ist. Das Wort „Influencer“, das von dem englischen Verb „to influence“ abstammt, bedeutet auf Deutsch „beeinflussen“, „einwirken“ oder „prägen“. Wir merken uns also, dass ein "Influencer" ein „Beeinflusser“ bzw. „Einflussnehmer“ ist und haben verstanden, warum von "Influencern" statt von "Beeinflussern" die Rede ist. Und je mehr Menschen die Kanäle eines "Beeinflussers" auf ihrem Gerät abgespeichert haben, umso bedeutungsvoller ist er. Wer mag, dem steht es frei, das Wörtchen "beeinflussen" durch das wesentlich unschönere Wort "manipulieren" zu eretzen.
Würde statt Wert
Nicht umsonst haben die „Väter des Grundgesetzes“ den ersten Artikel des Grundgesetzes der Menschenwürde gewidmet. Sie sichert zu, dass der Mensch, weil er ist, einen Anspruch auf Beachtung und auf Zugehörigkeit hat. Wir haben einen unveräußerlichen Eigenwert, unabhängig von Herkunft, Alter, Gesundheit, Fähigkeiten, Verhalten oder sozialem Status.
Die Menschenwürde akzeptiert, dass wir nicht Schöpfer unseres Seins sind. Wir haben uns nicht selber geschaffen. Diesen Gedanken kann man weiterdenken und dann geht es darum, dass der Mensch von Gott als dessen Ebenbild erschaffen wurde und dass die zentrale Eigenschaft des Menschen darin besteht, über einen freien Willen zu verfügen.
Die durch die Sozialen Medien angefachte digitale Vermarktung unseres Selbst kann man insofern auch als Angriff auf die Menschenwürde verstehen, die nach und nach zersetzt wird, bis sie in völliger Bedeutungslosigkeit verschwindet. Kritisch daran ist, dass der Mensch sich anschickt, seine Würde bereitwillig auf dem Altar von Likes und blinkenden Emojis zu opfern. Ja, sie muss ihm nicht erst genommen werden, er liefert sie freiwillig ab und freut sich über digitale Zustimmungen geposteter Ausschnitte seines Alltags und glaubt, dass seine Bedeutung von der Anzahl der Likes, Shares und Follower bestimmt wird: Ich poste, also bin ich!
Der Mensch aber hat Würde, weil er ist und seine Bedeutung besteht darin, dass es ihn gibt. Auf diesem Verständnis gründet sich unsere Zivilisation. Für den "Homo Digitalis" scheint dies keine besondere Bedeutung zu haben. Umso wichtiger also, sich wieder daran zu erinnern, damit wir uns nicht irgendwo an der Nahtstelle zwischen realer und virtueller Welt gegenseitig abhandenkommen.