Religiöse Lyrik
Vermischtes
Ein besonderes Gespräch
Manchmal sind Gespräche schwierig und gehen nicht so glatt runter. Ich weiß nicht mehr genau, wie wir darauf kamen, aber plötzlich sprachen wir über Gott.
Er glaube schon lange an gar nichts mehr. Die Kirche habe ihn genauso enttäuscht wie die Politik, damit ginge es ihm jetzt endlich gut, meinte er mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck.
Da ist er mir und meinem Glauben überlegen.
Ich glaube nicht schmerzfrei und mein Glaube ist nicht universell anschlussfähig, nicht mit jeder politischen Weltanschauung kompatibel. Mein Glaube hat ein Gegenüber und ist nicht ohne Zweifel. Er ist lebendig und deshalb auch kompliziert.
Das klang fast nach einem Pluspunkt für seinen Glauben, sofern natürlich auch Glaube an Nichts Glaube ist.
Ob man denn nicht leicht manipulierbar sei, wenn man an Nichts glaube, weil ja alles gleichberechtigt nebeneinander stünde und deshalb Richtiges genauso falsch sein könne, wie Falsches richtig, war meine Frage.
Nein, im Gegenteil, meinte er und stellte fest: Mein Glaube an das Nichts präferiert nichts, das schützt vor Beeinflussung.
Wofür er sich denn dann engagiere und ob er nicht Verantwortung trüge für alles, was ist, denn er habe sich gegen nichts gesperrt und sich auch für nichts eingesetzt, fragte ich.
Wenn du das so siehst, ja, das stimmt, meinte er. Aber bei Dir, fuhr er fort, ist es viel dramatischer, weil es ja doch eine Vielzahl von Religionen und religiösen Strömungen gäbe und die Orientierung erschwere.
Dass es verschiedene Richtungen gibt, ist ein Hinweis auf Vielfalt aber kein Indiz für Manipulierbarkeit, wandte ich ein.
Der Punkt ging an uns, wenn man unterstellt, dass jemand der an Nichts glaubt, grundsätzlich nicht manipulierbar ist, solange er weiterhin an Nichts glaubt.
Als wir uns gegenseitig unseren Glauben inhaltlich zu erklären suchten, sagte er, dass sein Glaube an Nichts ihn vor Enttäuschungen bewahre, weil sein Glaube ohne Erwartungen und Hoffnungen auskäme und nicht idealistisch aufgeladen sei. Was kommt, kommt, sagte er. Und was nicht kommt, kommt nicht.
Das war schlüssig vorgetragen.
Ich glaube, dass jeder Mensch einzigartig, geliebt und gewollt ist. Ich glaube, dass das Leben einen Sinn und ein Ziel hat. Ich glaube, weil wir bewusst zwischen Gut und Böse unterscheiden können, auch für unser Handeln verantwortlich sind. Ich glaube auch, dass wir es aus uns heraus nicht schaffen, uns ausschließlich immer für das Gute zu entscheiden und wir deshalb auf Vergebung angewiesen sind. Ich glaube, dass diese Vergebung nur von einem Gegenüber kommen kann, das außerhalb dieses Systems steht, weil es ja sonst ebenfalls für Gut und Böse anfällig wäre. Das, sagte ich, ist für mich Gott bzw. Jesus, sein Sohn.
Ob dieser Punkt an mich ging, weiß ich nicht genau, denn er meinte, ich solle ihn nicht von seinem Glauben an Nichts abbringen. Woran du glaubst, ist völlig egal, sagte er. Das ist der Vorteil meines Glaubens, dass er ohne Erwartungen auskommt und alles gleichberechtigt so sein darf, wie es ist, solange Du mich bei meinem Glauben lässt, fuhr er fort.
Damit war dann alles gesagt, sodass wir schließlich wieder unserer Wege gegangen sind.
Immer, wenn ich an die Begegnung denke, habe ich den Wunsch, das Gespräch fortsetzen zu wollen
und dann spüre ich, dass sich meine Hände falten...