Religiöse Lyrik
Gespräche mit Gott
Was bleibt
Manchmal begegne ich dem lieben Gott irgendwo unterwegs. Gestern trafen wir uns auf dem Friedhof. Ich hatte nicht mit ihm gerechnet und war in Gedanken mit der Frage beschäftigt, was sie eigentlich genau für ein Mensch war, die, vor deren Grab ich da stand.
Während ich mich erinnerte und feststellte, dass meine Erinnerungen nicht ausreichen, um mir ein abschließendes Bild von ihr machen zu können, reißt ER mich aus meinen Gedanken und fragt, ob ER mir helfen könne, ich sähe so angespannt aus.
"Ach", sage ich, "sie verschwindet immer mehr und strenggenommen weiß ich nichts über sie. Heute tut es mir leid, dass ich eine feste Meinung hatte und glaubte, alles von ihr und über sie zu wissen, sodass mir auch ein wertendes Urteil zustünde".
"Das ist menschlich", sagt ER mit einem Lächeln.
"Woher kommt nur der Wunsch, das Leben, die Lebensleistung und die Lebensentscheidungen Verstorbener bewerten zu wollen?", frage ich.
"Weil ihr glaubt, dass Ihr aus Euch lebt und Euch deshalb untereinander Rechenschaft schuldig seid", sagt ER, nun nicht mehr lächelnd.
"Weil das Leben aber nicht aus dem Menschen ist, erschließt es sich ihm auch nicht, sodass das Wissen über andere Menschen immer unvollständig bleibt. Der Mensch kann sehen, was vor Augen ist, tiefer zu schauen, was er dazu aber müsste, ist ihm nicht möglich".
"So wie Du (Wir duzen uns schon viele Jahre) das sagst, ist das verständlich und hat etwas Befreiendes, weil es den Zwang nimmt, Menschen verstehen wollen zu müssen".
"Ja", sagt ER, "das schafft Platz für innere Ruhe, Dankbarkeit und Ehrfurcht und ermöglicht das Nachdenken über die Frage, welches der Sinn menschlichen Seins ist".
Während ich noch über seine Worte nachdenke, zwinkert ER mir zu und sagt: "Komm mal her!".
Und dann hat mich der liebe Gott umarmt und sich mit einem "Na, dann bis zum nächsten Mal!" wieder auf den Weg gemacht.