Religiöse Lyrik

Gespräche mit Gott


Warten auf "Grün"

Neulich steht der liebe Gott neben mir an der Fußgängerampel. Und wie wir da so zusammen auf "Grün" warten und ich noch überlege, worüber ich mich mit ihm unterhalten kann, fragt er plötzlich, ob ich mit ihm zufrieden bin.

Da habe ich schlucken müssen und so getan, als hätte ich ihn wegen des Straßenlärmes nicht richtig verstehen können. "Wie bitte?", sage ich zum lieben Gott und überlege, während er seine Frage nun etwas langsamer und lauter wiederholt, wie ich antworten kann.

"Ja, sehr", sage ich, "es passt alles wunderbar und dass wir es nicht immer gut hinbekommen, mit Freiheit verantwortlich umzugehen, ist ja nicht Dir anzulasten." Da nickt er mir auf seine unverwechselbare Art zu und fragt, wie ich diesbezüglich die Bergpredigt einschätze.

Da muss ich erneut schlucken und sage dann nach einer Weile: „Es ist irgendwie unmodern geworden, über Demut, Nächstenliebe und Vergebung zu reden. Auch wenn das erwiesenermaßen für das Zusammenleben bedeutungsvoll ist, gilt man als ewiggestrig, wenn man davon anfängt." Nun muss er schlucken und sagt dann: „Da ist es also möglich, dass bald niemand mehr weiß, was das ist und was es braucht, damit das Miteinander funktioniert?" Ich nicke stumm.

Endlich springt die Ampel auf Grün und während wir die Straße überqueren, sagt er: "Das sieht nicht gut aus." Ich nicke und sage: „Mach Dir keine Vorwürfe, an Dir liegt‘s nicht!“

Dann sind wir noch eine Weile schweigend nebeneinanderhergegangen, bis der liebe Gott dann irgendwann nach links in die Kirchgasse abgebogen ist.

Wie ich dann abends im Bett liege und noch einmal über unsere Begegnung heute an der Ampel nachdenke, da tut mir der liebe Gott plötzlich so leid, wie schon lange nicht mehr.