Religiöse Lyrik
Gespräche mit Gott
Begegnung am Abend
Gestern, beim Abendspaziergang, gesellte sich auf einmal der liebe Gott zu mir.
Und wie wir da so gehen, sagt er nach einer Weile, dass er sich oftmals allein und missverstanden fühlt. Da habe ich erst mal schlucken müssen und so getan, als müsste ich mir die Schuhe zubinden. „Die Sonntage sind besonders schlimm“, fährt er fort. „Was ist so missverständlich, dass man ernsthaft glauben kann, dass es mir und meinem Sohn um Formalia und um die Schaffung von Institutionen gegangen sein könnte?“
Da muss ich wieder schlucken und schaue verstohlen auf meine frisch gebundenen Schuhe. Dann schweigen wir noch ein wenig und dann will ich ihn trösten und sage mit leiser Stimme zu ihm: „Ich kann Dich gut verstehen, denn ich weiß es auch nicht“.
Da haben wir uns gegenseitig zugezwinkert und sind noch eine Weile schweigend nebeneinanderher gegangen, bis der liebe Gott dann irgendwann nach links in die Kirchgasse abgebogen ist.