"Worte können sein wie winzige Arsendosen, sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da." (Victor Klemperer)


Aktuell sorgt "GenZ regelt" für allerhand Aufsehen. Vier Impulse zur Einordnung.


"GenZ regelt" - oder: Am Anfang war das Wort

* 1. Impuls: In einer Demokratie wird nicht "geregelt", sondern gewählt und es werden vom Volk getroffene Entscheidungen von dessen Vertrerinnen und Vertretern umgesetzt. Dass dies häufig Kompromisse sind, liegt in der Natur der Sache. "Geregelt" aber wird in einer Diktatur.

* 2. Impuls: In einer Demokratie geht die Macht "vom Volke" aus, nicht jedoch von einer Gruppe innerhalb des "Volkes". "GenZ" steht für eine Gruppe innerhalb "des Volkes", repräsentiert es jedoch nicht.

* 3. Impuls: Das "Framen" von gesellschaftlichen Gruppen birgt die Gefahr ihrer Spaltung. Begriffe wie „Boomer“ oder auch "GenZ" sind von einer subversiven Substanzlosigkeit. Sprache aber ist Denken und wer die Deutungshoheit über Sprache und Begrifflichkeiten hat, beeinflusst Denken und gesellschaftliche Diskurse.

Beispiel: Niemand würde ernsthaft aus "Jugend musiziert" "GenZ musiziert", aus der  "Jugendfeuerwehr" die "GenZ-Feuerwehr" oder dem Jugendschutzgesetz" das "GenZ-Schutzgesetz" machen.

Auch Oma Mustermann lebt in einer Senioren-Residenz (und nicht in einer "Boomer-Residenz") und besucht heute einen Senioren-Tanzkurs (und keinen "Boomer-Tanzkurs").

Wer also aus Jugendlichen plötzlich "GenZ" und aus Senioren "Boomer" macht, verfolgt eine gewisse Absicht, oder aber trägt, sofern die Begriffe gedankenlos verwandt werden, unwissentlich zu einer leichter möglich werdenden Spaltung der Gesellschaft bei.

Denn tatsächlich geht nicht die "GenZ" auf die Straße, sondern sind dies unsere Kinder und Schwiegerkinder, unsere Enkel, unsere Nichten und Neffen mit deren Freundinnen und Freunden.

Dass wir, Väter und Mütter, wir Großmütter und Großväter, wir Onkels und Tanten, uns selbst genug waren und unsere Kinder nicht geliebt und ihnen wissent- und willentlich eine desolate Zukunft beschert haben, ist nun ziemlich starker Tobak und eine der Komplexität des gesellschaftlichen Zusammenlebens nicht ausreichend gerecht werdende Aussage, die erst mittels Framing salonfähig geworden ist.

Zu befürchten steht, dass sich dadurch der Fokus von der Notwendigkeit, dringende gesellschaftliche Probleme, wie beispielsweise die "Klimakrise", die hier stellvertretend genannt ist, gelöst werden kann, zu der Frage verlagert, wem sie anzulasten ist. Die Energie wird nicht zur (gemeinsamen...) Lösung eingesetzt, sondern zum (gegenseitigen...) Verantwortlichmachen.

* 4. Impuls: Die sprachliche Verdichtung zu "GenZ regelt" kann in ihrer (bewussten?) Unkonkretheit wesentlich mehr (zerstörerische...) Dynamik entfalten, als dies bei einem konkreten Sachthema (Beispiel: "Atomkraft? Nein danke") der Fall ist, da keine Themen benannt sind, keine Positionierung enthalten ist und auch keine konkreten Forderungen benannt sind. Sie ist dadurch Deutungen ausgesetzt und somit leicht anschlussfähig in jede bereits bestehende politische Richtung und ihren jeweiligen Gruppierungen. Auch macht sie dies anfällig für interne Machtkämpfe um die Deutungshoheit und weckt zudem Begehrlichkeiten bereits bestehender Gruppen, sich ihrer zu bemächtigen.


Fazit: Wir sitzen alle im selben Boot, welches wir zu unterschiedlichen Zeiten betreten haben und zu unterschiedlichen Zeiten wieder verlassen werden. Für die gemeinsame Zeit braucht es gemeinsame Ziele und den gemeinsamen Willen, diese Ziele gemeinsam erreichen zu wollen.

Mein Tipp für die neu Dazugestiegenen lautet deshalb: "Rudern statt Regeln!"= Geht wählen, bekleidet politische Ämter, gründet Parteien und entwickelt das demokratische System weiter. Aber springt aus der "GenZ"-Schublade, in die Euch jene zu stecken suchen, die entweder nicht wissen, was sie da sagen, oder aber es ganz genau wissen und damit Ziele verfolgen, zu deren Erreichen die Schwächung des gesellschaftlichen Zusammenhalts eine zentrale Voraussetzung ist...

Ihr aber seid und bleibt unsere Kinder, Schwiegerkinder, Enkel, Nichten und Neffen, denen wir nach wie vor eine Zeit wünschen, in der es Euch besser gehen möge als es uns ging, als wir in Eurem Alter waren.

Zukunft aber wird gestaltet, nicht geregelt. Und weil es um unser aller Zukunft geht, ist es auch unser aller Aufgabe.

Wie sagte noch Klemperer?

"Worte können sein wie winzige Arsendosen, sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da."